Du musst nur positiv denken … reicht das für die Geburt?

“Du musst nur positiv denken – dann kommt das schon gut!” – dieser Spruch hat ja schon eine Wahrheit dahinter, so aufs ganze Leben betrachtet. Schöne Gedanken, wenig Stress und eine optimistische Lebenshaltung verbessert die Gesundheit und den allgemeinen Glückslevel, das wurde schon öfters gezeigt. Unsere innere Einstellung zu Dingen beeinflusst unser Glück.

Was aber die Geburtsvorbereitung betrifft – hier reicht es meiner Erfahrung nach nicht so ganz aus.

Über die letzten Jahre und mit zunehmender Erfahrung in der Geburtswelt habe ich immer wieder über meine Arbeit und meinen Business reflektiert. Ich habe auch von Frauen gelernt, durch die Begleitung und den Austausch erfahren, was gut taugt und wo noch Raum für Ergänzung besteht. Dabei habe ich mehr und mehr gespürt, dass der Name Die Positive Geburt mit meiner Arbeit nicht mehr so übereinstimmt. Ich versuche hier zu schildern, weshalb.

Was ist denn eine gute Geburt?

Die Vorstellung einer positiven Geburt triggert bei manchen Frauen vielleicht schnell das Bild einer natürlichen, vaginalen, selbstbestimmten Geburt. In unserer Kultur heisst es leider zu oft, natürlich = positiv. Eine PDA einfach so, oder einen Kaiserschnitt zu haben, wird von vielen verachtet. Wo bleiben dann die Frauen, die einen geplanten Kaiserschnitt haben MÜSSEN? Wo bleiben die Frauen, die einen Wunschkaiserschnitt buchen, weil sie das gerne wollen?

Dazu kommt auch, dass dies Auffassung von positiv kann nur eine natürliche vaginale Geburt sein, Frauen unfassbar unter Druck setzt. Plötzlich müssen alle eine ruhige, sanfte Geburt erleben – vor allem wenn sie sich mit Hypnobirthing vorbereitet haben. Der Druck kann von der Mama selbst kommen, er kann aber auch von falschen Erwartungen kommen, die bei der Vorbereitung geweckt werden. Der Name Die Positive Geburt geht mir ebenfalls zu sehr in diese Richtung, und widerspiegelt nicht meine Mission – nämlich den Frauen zu vermitteln, dass die Geburt so sein darf, wie sie kommt.

Erwartungen an der Geburt haben

Denn etwas ist ganz wichtig: Wenn wir mit hohen Erwartungen an die Geburt gehen und uns nicht vollumfänglich informieren, schaffen wir automatisch eine Hierarchie von Geburtsabläufen – was wir eben als ‹gute› Geburt einstufen und was wir als ’schlechte› Sache beurteilen. Dies ist für uns selbst aber auch für andere Mamas super ungesund. Manchmal braucht es eben eine PDA oder eine Intervention, damit es eben Mama und Kind weiterhin gut geht. Wir müssen mit Flexibilität an unsere Geburten gehen.

Bei einer Geburtsvorbereitung geht es um Loslassen – um Loslassen von jeglichen beklemmenden Gefühlen oder Ängsten, aber auch um das Loslassen von dem Gefühl, etwas kontrollieren zu wollen. Natürlich dürfen hier Geburtswünsche für die Geburt bestehen, dies ist ein wichtiger Teil der Geburtsvorbereitung.

Das Gebären ist aber viel mehr als eine Checkliste. Bei einer Geburt wird die Frau auf eine Reise genommen, die unfassbar spirituell sein kann und wahnsinnig viel Emotionales von der Frau verlangt. Wahnsinnig viel vom Partner oder der Partnerin. Hierbei wäre es falsch, den werdenden Eltern die Idee zu vermitteln, es wäre alles so, so einfach.

Es gibt Geburten, bei denen es nicht so läuft oder nicht so kommt, wie sich die Eltern erhofft haben. Dem müssen wir auch Raum geben und diese Tabus brechen. Denn wenn wir falsche Erwartungen wecken, setzen wir gleichzeitig die Samen für eine spätere Enttäuschung, die möglicherweise in einer Wochenbettdepression oder ähnliches enden kann.

Es ist – und war mir immer – sehr wichtig, alle Wünsche und Arten von Geburten mit einzubeziehen, ohne zu werten. Frauen und ihre Partner darüber aufzuklären, was eben dann passiert, wenn doch interveniert werden muss. Ihnen klar zu machen, was im Wochenbett alles wichtig ist und worauf sie sich gefasst werden machen können. Der Name Die Positive Geburt bleibt zu sehr auf der Oberfläche und widerspiegelt nicht, wie wichtig mir dieser Aspekt ist. Positiv ist das, was eben für jedes Individuum positiv ist. Das ist ganz subjektiv und unterschiedlich!

Denn es gibt keine negativen oder positiven Gefühle. Gefühle sind nicht an und für sich gut oder schlecht. Eine Geburt ist nicht an und für sich positiv oder negativ. Was für dich vielleicht der Traumgeburt wäre, wäre vielleicht für mich keine positive Erfahrung. Jede Frau oder jeder Partner gibt ihrer Erfahrung eine Bedeutung. Und zwar geschieht dies durch den Geist – je nachdem was wir erfahren, und welche Glaubenssätze wir selber haben, bewerten wir eine Erfahrung. 

Fast jede Geburt kann aber positiv erlebt werden

Ursprünglich war der Name Die Positive Geburt so gedacht, dass jede Frau eine schöne Geburt erleben kann – egal wie die Geburt dann wird. Also, die positive Geburt haben, die jede verdient hat – sei das eine positive, natürliche Geburt, eine positive, eingeleitete Geburt mit Vakuum oder einen positiven Kaiserschnitt. Die tiefergehende Bedeutung lag darin, dass ich überzeugt war (und noch bin) dass jede Geburt schön gemacht werden kann, auch wenn der Weg dorthin Hindernisse und Schwierigkeiten hat.

Was aber wirklich wichtig ist, besteht darin, wie man genau dorthin kommt. Wie kommt eine Frau dazu zu sagen – «hey, die Geburt war nicht ganz einfach, aber ich habe es geschafft und die Erfahrung war schön».

Bei einer Geburtsvorbereitung zählt eben mehr als nur positives Denken. Es zählt auch mehr als nur Vertrauen haben und positive Affirmationen täglich einsetzen. 

In einer guten Geburtsvorbereitung braucht es auch absolute Ehrlichkeit. Es braucht den Raum, damit die Frau bereits während der Schwangerschaft total roh und verletzlich sein kann. Es braucht eine Begleitung, die das Schöne sowie auch das Unangenehme anspricht und Raum schafft, diese Ängste anzuschauen. Hier rede ich NICHT von Horrorgeschichten von Geburten, bei denen es gar nicht mehr um Fakten geht. Sondern von der Begegnung mit dem Unangenehmen und das Erarbeiten einer Vorstellung, wie es navigiert werden könnte, falls es eintrifft. Also, Plan B und Plan C.

Toxische Positivität

Bei der Vorstellung, eine Geburt soll positiv sein, weckt bei mir mittlerweile zu stark das Bild von “toxic positivity”, bei der es darum geht, in allem etwas Positives zu sehen. Dies kann manchmal unauthentisch sein. 

Beispiele für dieses Toxic Positivity können sein: “Hey, du hattest einen unangekündigten Dammschnitt? Ja, immerhin lebt dein Baby noch!” oder “Du hast eine Fehlgeburt erlitten? Ja dann ist es wohl besser so, für dein Kind und dich”. Manche Sachen passieren und sind einfach schlimm – hier hilft es nicht, darüber hinweg zu sehen oder mit einer ‘positiven’ Aussage auszugleichen, sondern eher die Zeit nehmen die es halt eben braucht, um das Geschehene eben zu verdauen und zu heilen.

Diese Antworten sind zwar oft gut gemeint – können aber grosse Schaden anrichten. Laut 7mind.de ist eben das ständige Ausgleichen von unangenehmen Emotionen mit etwas positivem eigentlich nichts mehr als Verdrängung. Studien haben gezeigt, dass Emotionen eher verstärkt werden, wenn sie unterdrückt oder verdrängt werden.

Also was eigentlich in meiner Geburtsvorbereitung vorkommt (und eben auch im Namen meiner Arbeit widerspiegelt werden sollte) ist dass ich den Frauen beibringe, wie sie auf ihre Gefühle hören können. Denn ohne zu fühlen, passiert keine Veränderung. Wenn etwas Negatives passiert und du dir dessen nicht bewusst bist – ja dann passiert eben nichts. Oder die Person entscheidet für dich, da dich dabei offenbar nichts stört. Wenn wir uns aber trauen, in der Situation unserem Gefühl nachzugehen, dann können wir verstehen wo der Ursprung kommt. 

Wenn bsp. eine frühe Einleitung empfohlen wird und das so sehr gegen deinen Wunsch geht dass es in dir Angst auslöst, kannst du entweder sagen – “ah, ja, das kommt schon irgendwie gut” – oder du kannst der Angst zuhören, den Ursprung davon erkennen und dann fühlen, was wirklich dein Unwohlsein auslöst. Ist es die Abgabe der Kontrolle? Die zuständige Person? Fehlende Informationen zum Ablauf? Genau dorthin kannst du dann eben reagieren, und handeln. Das ist also nicht der leichteste Weg – aber das ist der Weg, der eben eine selbstbestimmte Geburtserfahrung ermöglicht.

Und wenn du das Problem nicht lösen kannst, dann hast du es wenigsten versucht und weisst nun, jetzt wäre an der Zeit, das was ist, anzunehmen. Was übrigens nicht sein muss, dass du die Situation so akzeptieren musst.

Die Vergangenheit spielt eine grossen Rolle

In eine umfassende Geburtsvorbereitung gehört auch das Aufarbeiten der Vergangenheit – vielleicht einer früheren Geburtserfahrung, vielleicht von Glaubenssätzen betreffend das Gebären oder sich selbst, die wir unser Leben lang mitgenommen haben. Es gehört ein Hineintauchen in sich, bereits vor der Geburt. Ein Kennenlernen von sich selber, erneut. Ein Kennenlernen vom Partner/der Partnerin, erneut. Ein grosses, grosses Loslassen.

Die Geburtsvorbereitung ist also viel, viel mehr als einen Abendkurs – oder sollte zumindest sein. Ein Kurs ist ein super Start – aber meiner Meinung nach führt eine Schwangerschaft ein Paar durch diese Veränderungen – so wie ein grosses Projekt, das bei der Geburt nicht aufhört.

Ein Kind zu gebären hat zugleich so viel mit der Mutter und dem Vater zu tun. Die Eltern selbst werden ein Stück weit neugeboren. Ein Baby zu bekommen ist etwas vom Grössten, was wir in unserem Leben je machen werden. Das Kind dann auch zu begleiten ist eine tagtägliche Aufgabe – gefüllt von Überraschungen, Herausforderungen und Freude. Das grösste Projekt, was wir jemals erfahren werden – so stark in sich hineinkehren, so sehr sich neu kennenlernen, das Kind earthside zu bringen und dann in seiner eigenen, wunderbaren Essenz zu begleiten.

Kinder bringen uns ja auch Sachen bei – und zeigen uns, wie tief ein Gefühl gehen kann. Kleinkinder zeigen uns, es muss nicht immer positiv sein. Es muss nicht immer gelacht werden. Es darf auch immer Raum haben für Gefühle, die wir Erwachsene vielleicht als negativ einstufen. Wut, Ungeduld, Trauer. Gerade in der Mutterschaft ist es so wichtig, Gefühle kommen zu lassen, wie sie gerade sind – und sich dann eben nicht unter Druck setzen lassen, etwas zu fühlen oder jemand zu sein, was gerade nicht so ist. 

Eine Frau, die gerade eine Fehlgeburt hatte – darf jetzt die Trauer, Enttäuschung oder Wut fühlen. Für das darf es mehr Raum haben, in der gesamten Gesellschaft. Sie muss es nicht zum Positiven drehen und glauben «ach, vielleicht ist es besser so.» 

Eine Frau, die zu einem Kaiserschnitt gedrängt wird – darf zuerst auch mal die Unsicherheiten oder Enttäuschung fühlen, und somit die nötigen Fragen stellen, bevor sie sich entscheidet. 

Ein bisschen von beiden Aspekten

Wichtig ist die Dosis. Da ist die Gratwanderung meiner Arbeit – ehrlich und authentisch über alles zu reden, aufzuklären, zu informieren und den Frauen beibringen, alle Gefühle zuzulassen. Nicht per se nur positiv bleiben – aber auch nicht zu viel Negatives über Schwangerschaft, Geburt oder Wochenbett anzunehmen. Das Verstricken in diese Negativität bringt eben auch niemand weiter – manchmal ist es auch unglaublich heilend, Entwicklungen so anzunehmen wie sie sind, und sie optimistisch begegnen. 

Daher meine Mission nochmals – Frauen eine wunderbare, wunderschöne Geburt zu ermöglichen – ohne aber jeglichen Druck oder Wertung, mit Einbezug der eigenen Wünschen. Authentisch und offen über alles reden, was uns Frauen so beschäftigen könnte – das Gute sowie das Schlechte. Dinge beim Namen nennen – ohne dabei zu sehr negative Denkmuster Raum zu geben. Frauen beibringen, wie sie auf sich hören können und wie sie dies auf der Reise zur Mutterschaft pflegen können.

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